Braun Lautsprecher LE 1 (ex Abenteuer LE 1)

Teil 1 des Tatsachenberichtes von Burkhard Vogel zum Lautsprecher LE1 von Braun. Mit viel Liebe zum Detail beschreibt der Autor die Schönheit und erstklassige Qualität der guten alten Röhrentechnik.  


Ein Tatsachenbericht0

Ein "Testbericht" in der Zeitschrift HIFI-Exclusiv1 aus dem Jahre 1982 hatte es mir angetan: getestet wurde im Rahmen einer Artikelserie über elektrostatische Lautsprecher auch die Kombination der Braun-Geräte CSV 60, PCS 52 und LE 1.

Dass dieser Testbericht über diese Altehrwürdigkeiten nicht gerade negativ ausging ist sicherlich überraschend, bedenkt man das für HiFi-Geräte nachgerade biblische Alter der Anlage: nach Schätzung des Autors so um die 20-25 Jahre. Bei der Lektüre vermeint der unvoreingenommene Leser sogar einen Hauch Respekt und Hochachtung vor solch technischer Leistung aus dem Röhrenzeitalter zu verspüren, klang doch die Anlage so, wie man es von Elektrostaten nicht anders zu erwarten hat: einfach gut!

Der Keim zur "Sucht" war damit bei mir gelegt, zumal einer meiner Berliner Freunde stolzer Besitzer nicht nur eines Paares LE 1 war, sondern auch noch ein Paar QUAD ESL sein eigen nannte, welche ja technisch eine Art Innereienspender der LE 1 darstellen, die ja von Braun in Lizenz der Firma QUAD gebaut wurden.

Es dauerte allerdings noch weitere 11 Jahre - Ende 1993 -, bis sich ein Sammler Braunscher Objekte meiner erbarmte, und zwei seiner Schätze gegen entsprechende Vergütung dem nach "Einmaligkeit" dürstenden überließ: Nr. 2254 und Nr. 2940, der Einfachheit halber im folgenden Text A und B geheißen.

A und B in ihrem neuen Heim an einen passenden Verstärker angeschlossen, die Lieblings-CD aufgelegt (Büdi Siebert, Wild Earth6), die Augen in der Vorfreude geschlossen und den Körper in relativ flache Stellung gebracht, harrten alle Sinne der Offenbarung, nicht ohne daß im Hörzimmer entsprechend den Spielregeln zur Aufstellung von Elektrostaten entsprechend "gerückt" wurde.

Der o. g. Sammler hat natürlich beide Objekte meiner Begierde - unabhängig von einem möglichen Verkauf - testen lassen und mich mit einer eigenen Klangbeschreibung der beiden Lautsprecher nach Hause entlassen. Diese traf dann auch zu, wobei mich die Beschreibung, daß einer der beiden (A) heller temperiert sei als der andere schon beim Kauf stutzig machte, aber ich sagte mir, daß das Alter von ca. nun 30-35 Jahre sicherlich die Erklärung dafür abgäbe.

 

01 title page D und D vol 32
Titelseite von Design+Design Nr. 32

 

Dem war leider nicht so, denn eine Messung mit einem Terzanalysator und reinen Sinustönen im tieffrequenten Bereich ergab rasch die Erkenntnis, daß offensichtlich die Baßpaneele von A, von denen jeder LE 1 zwei besitzt - neben einem Hochtonpaneel - , nicht funktionierten.

So ein Mist! Aufmachen (12 Schrauben) und reinschauen waren eins! Am liebsten hätte ich gleich wieder zugemacht, denn es schlug mir ein dermaßen penetranter Gestank - etwa wie von einem stark schimmelnden feuchten Zimmer - entgegen, daß mir schon fast die Lust verging, mich überhaupt an eine Fehlerergründung zu wagen, geschweige denn an eine Reparatur zu denken.

Der Filz war's, der zur Dämpfung der hohen Töne nach hinten dient, um eine weniger empfindliche Aufstellung des dipolaren Lautsprechers im Raum zu ermöglichen, der den bestialischen Gestank verströmte und deshalb sofort im Abfalleimer verschwand, nicht ohne daß vorher seine Maße genommen wurden, denn ein Ersatz mußte ja nun auch noch her.

Wenn Elektrostaten nicht funktionieren gibt es im Allgemeinen nur wenige Fehlermöglichkeiten: entweder ist die Hochspannungsversorgung defekt oder der Lautsprecher bekommt keinen "Saft" oder er ist durch Korrosion kurzgeschlossen oder mechanisch beschädigt worden.

Eine Überprüfung der Hochspannungseinheit, die 6000 Volt für die Baßpaneele und 1500 Volt für das Hochtonteil liefert, ergab die ernüchternde Erkenntnis, daß von 6kV weit und breit nichts zu sehen, l,5kV aber voll da war; und da es eine Frequenzweiche im eigentlichen Sinne nicht gibt, der ganze Tonfrequenzbereich damit nur über das Hochtonpaneel abgestrahlt wurde, war klar, warum die Klangbeschreibung als hell temperiert gekennzeichnet wurde.

Was die bei QUAD2 (der Lieferant möglicher Ersatzteile; es gibt auch einen dt. Vertrieb in Koblenz) können, kann ich schon lange und schneller - hab' ich gedacht.

Finden Sie einmal - und dann noch in kleiner Stückzahl - 3kV-Kondensatoren (10nF), die man nun mal braucht, um mittels mehrerer 1kV-Dioden (1N4007) eine Hochspannungskaskade aufzubauen, die aus 680 V Wechsel Spannung die benötigten hohen Polarisationsgleich-spannungen erzeugt.

Unmengen von Telefonaten die BRD rauf und runter später - sowie dem Einsatz von nicht mehr als ca. DM 30.- für die Bauelemente - liefen zwei vorsorglich aufgebaute Hochvoltteile zur Zufriedenheit in A und B; aber A's Baßpaneele taten wieder keinen Muckser, weil total defekt, wie sich nun nach genauerer Inspektion ergab: Totalschaden durch Kapitalverbrechen an Elektrostaten in Form von längerem Aussetzen desselben in zu feuchter Umgebung mit Folgen in Form von durch Korrosion herbeigeführtem Kurzschluß.

Haben Sie schon einmal ein Produkt direkt in Großbritannien bestellt? Nein? Sie sollten aber! Sehr lehrreich - nicht alleine wegen der englischen Sprache sondern auch wegen dem Erlebnis der etwas anderen Art, Geschäfte zu machen. Auf alle Fälle, die Firma QUAD, deren Uralt-Produkt ESL ca. 55.000 mal ausgeliefert wurde und nun leider nicht mehr produziert wird, mit aber sehr gut sortierten Lagern aller möglicher denkbarer Ersatzteile für denselben, mußte als mir zu diesem Zeitpunkt einzig bekannter Ersatzteillieferant herhalten und zwei Baßpaneele liefern.

Zwischenzeitlich hat der Fortschritt in Form von Weiterentwicklung des ESL auch nicht geschlafen und Herr Peter Walker3, der Gründer von QUAD, brachte vor einiger Zeit eine Schutzschaltung für den Hochtöner des ESL heraus, der die maximale Tonspannunng am Paneel auf ca. 33 Volt begrenzt, um einer beliebten Killermanie - nämlich das Betreiben der ESL/LE 1 mit hochpotenten Verstärkern - einen Schutzriegel vorzuschieben. Wenn's zuviel wird, verzerrts - und man weis Bescheid. Ein neues Hochtonpaneel ist damit nicht mehr nötig! Es empfiehlt sich, solch elektronisches Verhüterli unbedingt zu kaufen und einzubauen.

Nach zwei Monaten und nach mehreren Faxen war alles an Bord und dem Aus- und Wiedereinbau der Paneele standen nur die sorgfältige Beschriftung aller Kabel, die Aufnahme des Schaltplanes (ich habe keinen mehr von Braun gefunden) sowie eine Menge Schrauben im Rahmen des LE 1 entgegen. Ich war geneigt, an Murphy zu denken: 26 Schrauben und nach 25 gelösten merke ich, daß alleine die 26ste zu lösen genügt hätte, um an die Sache richtig ran zu kommen. Habe Braun weit unterschätzt: jede Schraube ist wichtig und nachdem alle gelöst waren, der unter Spannung stehende Mittenstab, der den Paneelen diese unnachahmliche Rundung gibt, die sich im Frontgitter fortsetzt, vorsichtigst entfernt wurde, konnte der Rahmen abgehoben und die Paneele einzeln herausgenommen werden, nicht ohne daß vorher die ausbaubare Elektrik, als da sind: Netztrafo und Hochspannungseinheit, Audiotrafo und jede Menge von Hochvoltkabeln, vorsichtigst entfernt wurde, denn die empfindlichen Rückseiten der Paneele, die zum Schutz gegen Staub mit hauchfeinem Kunststoff bespannt sind, verzeihen rohe Behandlung und Lötzinnspritzer überhaupt nicht.

Daß bei einer solch kniffligen mechanischen Problematik ein gewisses handwerkliches Geschick dazu gehört, sei nur am Rande erwähnt, vom elektronischen ganz zu schweigen. Die Sache ist also nichts für einen Anfänger, zumal bei einer solchen Aktion die Gelegenheit genutzt werden sollte, den Schuko-Gedanken auch bei LE 1-ens real werden zu lassen.

Wenn A nun schon einmal total gestrippt vor einem steht bzw. liegt, ist der Gedanke nach neuen Kleidern nicht fern, da Gehäuse und Körper doch leichte Gebrauchsschäden auf weisen. Eine Anfrage beim 'Erfinder' - Prof. Rams - ergab die genauen Farbbezeichnungen, und als ich mir die beiden Oldies im frischen Glänze von RAL und Co. vorstellte, gefiel mir der Gedanke einer diesbezüglichen Kur überhaupt nicht mehr. Irgendwie sollte man doch schon sehen, daß Ehrwürden sich auch ohne neues Make-up phantastisch in Szene zu setzen vermag. Der Putzwut wurde daraufhin keinerlei Beschränkung auferlegt und das Ergebnis kann sich auch so sehen lassen, aber scharfe Mittel sind absolut tabu, die alten Farben bleiben sonst im Lappen hängen und nicht mehr auf dem Lautsprechergehäuse.

Eine kleine mechanische Hilfskonstruktion ermöglichte den Einbau einer Schukobuchse, allerdings Platz für einen Ein-Aus-Schalter war beim besten Willen nicht zu finden (wer z.B. einen PA 4 als Treiber benutzt = sehr gute klangliche Lösung - aber bitte nur mit Schutzschaltung betreiben, könnte die schaltbaren Netzbuchen des CC 4- Systems hernehmen, wer bei der klanglich schlechteren Lösung des CSV 60 bzw. Studio 2 bleiben möchte, nutzt weiterhin die entsprechenden Sonderkabel, braucht dann aber nicht auf Schuko umzurüsten), sodaß auch eine Lösung dieses Problems mit einfachen in das Netzkabel eingeschleiften Schaltern à la Tischlampe denkbar wäre. Die Lautsprecher müssen nicht - entgegen weitverbreiteter highendiger Meinung - dauernd am Netz hängen. Der mögliche klangliche Vorteil wird längstens durch falsche Verstärker und Kabel zunichte gemacht. Denn: elektrisch hat es der LE 1 leider in sich: eine Eingangs-Impedanz von 23 Ohm bei 20 Hz auf max. 100 Ohm bei 66 Hz steil ansteigend, danach steil auf ein Plateau um 15 Ohm zwischen etwa 300 Hz und 3,3kHz abfallend, um sich dann gemächlich auf stromfressende 3 Ohm bei 20 kHz zuzubewegen erfordern Verstärker, die fast im Leerlauf ebenso stabil sein müssen, wie bei mindestens 3 Ohm, besser noch 2 Ohm, denn Exemplarstreuungen gibt es sicherlich, wobei nicht zu vergessen sein sollte, daß es QUADs ESL noch besser kann: 1,5 Ohm bei 20 kHz.

 

02 content D und D vol 32
Inhaltsverzeichnis von Design+Design 32

 

Die besondere klangliche Luftigkeit eines Elektrostaten stellt ebenfalls höchste Ansprüche an das Brumm- und Rauschverhalten der Verstärker. Schließlich soll der Klang sozusagen aus dem 'Nichts' kommen und eben dadurch wirken. Ein sog. Fremdspannungsabstand am Ausgang der Endstufe von -86 dBV (auf eine Bandbreite von 20 kHz begrenzt) war neben entsprechender Stabilität und Stromlieferfähigkeit eine der Zielsetzungen, die ebenfalls als Voraussetzung für höchsten Klanggenuß anzusehen waren.

Neben der Renovierung von A und B lag also auch noch die Entwicklung sowie der Aufbau eines entsprechenden Verstärkers an, was nach einigen Anläufen auch noch zur vollsten Zufriedenheit bewerkstelligt werden konnte; schließlich dauerte es ja einige Zeit, bis die Lieferung von QUAD endlich kam. Gut, daß ein Baßpaneel einem Transportschaden zum Opfer fiel, sodaß weitere drei Wochen Verstärkertests anstehen konnten, bis Ersatz eintraf.

Die Erkenntnis, die ich bei der Regulierung des Schadens mit der Post erlangte, daß nämlich das mühsam in deutsch ausgefüllte Schadensersatzantragsformular - da französisch die internationale Postlersprache ist - in diese klanglich so schöne Sprache zu transferieren sei, entschädigte mich für die Wartezeit, kann doch selbstverständlich jeder deutsche Postler französisch! Man lernt doch immer noch dazu, sei es auch nur bei der Lautsprecherreparatur.

Selbstverständlich gehört zu einer anständigen Renovierung auch der Ersatz der zum Audiotrafo gehörenden Kohleschichtwiderstände (8) durch solche aus Metallschicht, in 2 Watt-Ausführung und nur 2% Toleranz, hatten sich die alten Widerstände doch bis zu 20% von ihren eigentlichen Werten wegbewegt.

Nachdem nun alle Teile gereinigt, entstaubt (nur ganz schwachen Staubsauger benutzen!), neu nach Plan verlötet bzw. eingebaut waren, mit einigem Angstschweiß auch noch die Biegung und Fixierung der Paneele mittels der Mittenstange geglückt war, von der Wiedereinschraubung der Unmengen von Schrauben ganz zu schweigen, kam der große Augenblick: Strom, Spannung und Musik Marsch! - und es funktionierte!

Die persönliche Hör-Gestaltungsprozedur wie eingangs geschildert war die gleiche, die Musik aber kritischer, da Testsituation: Beethovens4 Waldstein Sonate gefolgt von seiner Sonate Nr. 21 mußten schon ran, um den Nachweis zu erbringen, daß auch heute noch ein gepflegter LE 1 nicht nur seinen Preis wert ist, sondern bei richtiger Aufstellung im richtigen Raum den meisten Lautsprechern moderneren Zuschnitts allemal das Wasser reichen kann, wenn nicht sogar in vielen Punkten übertrifft. Die CD, mit ihren aberwitzigen Klavierattacken schont weder Lautsprecher noch Verstärker und offenbart jegliche Schwäche sofort. Die Auflösung der LE 1 ist phänomenal, wovon man sich z.B. leicht selbst überzeugen kann, indem man sich Beethovens 'Elise' auf einer anderen phantastisch aufgenommenen CD5 anhört. Man hört - und denkt gleich an einen Fehler in der CD, was aber nicht stimmt - sogar ganz leise das Knarren des Klavierhockers.

 

Fazit: Prof. Rams großer designerischer Wurf, nun fast 40 Jahre alt, ist und bleibt damit auch heute noch ein Maßstab für den ambitionierten Musikhörer, der dies auch noch in der entsprechenden Wohnlandschaft, für die der LE 1 schließlich kreiert wurde, genießen möchte und an dem kaum einer ohne entsprechende Emotionen vorbeikommt.

 

Achtung: längeres Hören macht süchtig!

 

03 Fig 01
Fig. 1 Die Gehäuseteile des LE 1

 

04 Fig 02
Fig. 2 Eine komplette studio 2 Anlage mit LE 1

 

05 Fig 03
Fig. 3 Frontansicht

 

06 Fig 04
Fig. 4 Seitenansicht

 

07 Fig 05
Fig. 5 Rückansicht

 

Text: Burkhard Vogel

 

Fotos: Braun AG und Jo Klatt (Figs. 1 & 2)

Zusätzliche Fotos: B. Vogel (Figs. 3 ... 5)

 

Anmerkungen:

0.  Reproduktion des in Heft 32, Design+Design, 1995, veröffentlichten Artikels 'Abenteuer LE 1';

Mit freundlicher Genehmigung von Jo Klatt Design+Design Verlag, Hamburg

1.  HiFi Exclusiv, Heft 1, 1982, S. 48-50

2.  Ehemals: QUAD Electroacoustics Limited, Huntingdon PE 18 7DB, UK

Deutscher Lieferant: QUAD Musikwiedergabe GmbH, www.quad-musik.de

3.  The essential ESL, Hi-Fi-News & Record Review, November 1993, S. 68-69

4.  Denon CO-74653, Beethoven: the sonatas for piano vol. 4 mit Bruno-Leonardo Gelber

5.  Highlights CD 5 von Stereoplay

6.  Biber Records, Nr. 66461

 

Abenteuer / Adventure Braun LE1.pdf